Aktuelles

Abb.: Paul Delaunois (links) und Roland Majerus (rechts)

OIKOPOLIS am Dialog: MSF zur Flüchtlingskrise

8.2.2016


Der Erlös der NATURATA Weihnachtsspendenaktion 2015, bei der die NATURATA-Kundinnen und -Kunden ihre Sammelmärkchen spendeten, ging in diesem Jahr an Médecins Sans Frontières (MSF). Paul Delaunois, Generaldirektor von MSF Luxembourg, gab deshalb im Rahmen der Veranstaltungsreihe OIKOPOLIS am Dialog Erklärungen zur Flüchtlingskrise – aus der Sicht einer Hilfsorganisation, die sich tagtäglich für die Flüchtlinge einsetzt.

Warum fliehen die Menschen?

Der andauernde Flüchtlingsstrom betrifft nicht nur Europa: Er ist ein weltweites Problem. Mittlerweile suchen über 60 Millionen Menschen fern ihrer Heimat ein Leben ohne Hunger, Krieg und Gewalt. Auf der Suche nach einer lebenswerten Zukunft bewegen sie sich innerhalb der Grenzen ihres Landes oder sind gezwungen, es zu verlassen. Dabei ziehen sich die Krisengebiete wie ein schwarzer Balken über die Weltkarte: von Afghanistan über den Iran und Irak, Syrien, Ägypten und Libyen bis nach Algerien. Umgeben von Chaos, schlechten Lebensbedingungen, ohne Aussicht auf Besserung, mit wenig Hilfe und geschlossenen Grenzen, bleibt den betroffenen Menschen nur Europa als Ausweg – Europa, wo die Menschen in Frieden und relativem Wohlstand leben.

Leben in Zahlen

Paul Delaunois wies darauf hin, dass wir die Flüchtlinge vor allem in Zahlen sehen. Wir vergessen meist, dass sich diese Zahlen aus vielen Einzelschicksalen zusammensetzen: aus Menschen, die schreckliche Missstände erleben mussten, Angehörige verloren haben, Angst um die Zukunft ihrer Kinder haben oder um ihr eigenes Leben. Warum sonst sollten sie ihre Heimat verlassen, alles zurücklassen und die Strapazen einer endlosen Reise auf sich nehmen, ohne zu wissen, ob sie die Flucht überleben werden, und wie es ihnen in Zukunft ergehen wird – mittellos in einem fremden Land, dessen Kultur sie nicht kennen, dessen Sprache sie nicht sprechen, und in dem sie sich wahrscheinlich nicht leicht integrieren werden?

Handeln statt diskutieren

Viele in Europa sprechen von einer regelrechten „Invasion“, man diskutiert, kontrolliert, wehrt die Flüchtlinge ab, lässt sie wochenlang in provisorischen und katastrophal ausgestatteten Auffanglagern ausharren. Europa baut erneut Grenzen auf, statt gemeinsam zu überlegen, wie man den Menschen effektiv helfen kann. Teilweise verbreiten Medien die Vorstellung, dass sich mit den Flüchtlingen der Terrorismus in Europa ausbreitet, und säen auf diese Weise Unverständnis und Ablehnung gegenüber den Hilfesuchenden. Es wird vergessen, dass sich diese Menschen nur nach einem Leben sehnen, wie wir es führen: ein Leben in Freiheit und relativem Wohlstand.

Die politische Unentschiedenheit dieser Tage, das ganze Hin und Her und auch die unterlassene Hilfeleistung, haben den Tod unschuldiger Frauen, Männer und Kinder zur Folge – und garantiert prallgefüllte Taschen für die Schleuserbanden. Paul Delaunois ist sich sicher, dass es nicht mehr Flüchtlinge werden, wenn sich die Hilfeleistung verbessern würde. Die Entscheidung, die Heimat zu verlassen, wird nämlich von ganz anderen Beweggründen angetrieben.

Ankunft in Europa

Nur wenige Länder bieten den Flüchtlingen gute Aufnahmebedingungen, darunter Luxemburg, Deutschland, Island und Norwegen. Aber hier müssen die Flüchtlinge erst einmal hingelangen. Médecins Sans Frontières hilft den Bedürftigen an Ort und Stelle und leistet die Hilfe, die eigentlich von den Regierungen kommen müsste. So sind allein in Europa rund 535 Freiwillige von MSF im Einsatz. Paul Delaunois machte uns in seinem Vortrag noch einmal darauf aufmerksam, dass die Flüchtlinge, die in Italien und Griechenland ankommen, auf alle europäischen Ländern aufgeteilt werden müssten. Aber leider klappt das nicht. So wurden in den letzten vier Monate, nur 86 Menschen in andere europäische Länder geflogen. Den Flüchtlingen bleibt also nur der beschwerliche Weg über Italien oder die Balkanroute, um in andere Länder der EU zu gelangen.


Médecins Sans Frontières fordert:

- eine gesicherte und legale Einreise der Flüchtlinge

- menschenwürdige Bedingungen in den Erstaufnahmeeinrichtungen

- ein Ende der „Politik der Angst“

- ein funktionierendes, länderübergreifendes Hilfsprogramm

- ein gesamteuropäisches Rettungs- und Asylsystem

- ein Ende politischer Gewalt …

… schließlich ist das Recht auf ein Leben in Frieden und Freiheit nicht nur uns Europäern vorbehalten!