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Abb.: "Der Begriff Bio deckt nicht alles ab": Änder Schanck

OIKOPOLIS-Gemeinwohl-Bilanz : Interview mit Änder Schanck

14.11.2014


Wie passen Unternehmenszweck und Gemeinwohl-Orientierung bei der OIKOPOLIS-Gruppe zusammen?

Schon vor 25 Jahren, bei der Gründung der ersten beiden Betriebe unserer Gruppe, einer Biobauerngenossenschaft und eines Naturkostgeschäfts, war die Vermarktung der Produkte unserer landwirtschaftlichen Bio-Produzenten der Zweck dieser Aktivitäten. An diesem übergeordneten Unternehmensziel hat sich bis heute nichts geändert. Hinzugekommen ist jedoch die Erkenntnis, dass wir die gesamte Wertschöpfungskette in den Vermarktungsprozess mit einbeziehen müssen, wenn wir dauerhaft qualitativ hochwertige Erzeugnisse zu fairen Konditionen liefern wollen.

Deshalb führten wir schon bald die so genannten Marktgespräche ein, bei denen alle Glieder der Wertschöpfungskette zusammenkommen – vom Bauern über den Verarbeiter, Groß- und Einzelhändler bis hin zum Verbraucher. So wurde es möglich, dass alle Beteiligten in dieser Kette bei deren Optimierung partnerschaftlich zusammenwirken. Dies gelang uns im Laufe der Zeit recht gut, denn mit dem gegenseitigen Verständnis wuchs auch der solidarische Sinn fürs Ganze. So konnte u.a. der (Preis-)Druck auf die Landwirte gemildert werden. Der Einsatz für die gemeinsame Grund-Orientierung wirkte sich jedoch auch auf die anderen Stufen der Wertschöpfungskette aus, v.a. im Bereich Verarbeitung und Großhandel. Nach und nach entstand ein regelrechtes Netzwerk an Neugründungen, Betriebsbeteiligungen und Kooperationen, und innerhalb dieses komplexen Ganzen kamen unter verschiedensten Rechtsformen immer mehr MitarbeiterInnen unter dem gemeinsamen Dach der späteren OIKOPOLIS-Gruppe zusammen.


"Unter einem Dach": die Zentrale der OIKOPOLIS-Gruppe bildet das OIKOPOLIS-Zentrum Munsbach

Wir haben uns also von Anfang an als Betrieb(-sgemeinschaft) verstanden, der bzw. die sich am Ideal der Nachhaltigkeit orientiert. Vor etwa 5 bis 6 Jahren sind wir jedoch zur Erkenntnis gekommen, dass wir diese Frage angesichts der gewachsenen Zahl von MitarbeiterInnen neu reflektieren müssen. Eine externe Evaluierung schien uns wichtig, um damit auch eine Spiegelung des Ganzen aus der Außenperspektive zu haben.

Warum fiel die Entscheidung dann zugunsten der Gemeinwohl-Bilanz?

Wir haben unterschiedliche Anbieter solcher Evaluierungen geprüft und hatten dabei die Wahl zwischen Organisationen, die im internationalen Kontrollsystem für die Biolandwirtschaft tätig waren, und solchen, die herkömmliche Unternehmen auf CSR (Corporate Social Responsibility), also die gesellschaftliche Verantwortung eines Unternehmens, bewerteten. Für die Gemeinwohl-Bilanz haben wir uns entschieden, weil diese unserem Leitbild konzeptionell am nächsten schien, auch wenn wir zu einzelnen Aspekten davon bereits teilweise abweichende Überlegungen entwickelt hatten. Der Entschluss wurde uns erleichtert durch Christian Felbers Zusage, dass die vorliegende Gemeinwohl-Matrix einer ständigen Weiterentwicklung unterliegt und somit offen ist für andere Aspekte.

Welche Auswirkung(en) hat das Ergebnis der Gemeinwohl-Bilanz auf die Betriebe der OIKOPOLIS-Gruppe?

Die Bilanzierung ermöglicht eine objektivierte Betrachtung des eigenen Handelns. So kann das Unternehmen bzw. die Gruppe besser beurteilen, wo sie Vergleich zu anderen steht. Zudem hat die Auseinandersetzung mit dem Thema dazu beigetragen, dass diejenigen Personen, die sich innerhalb unserer betriebsübergreifenden „OIKOPOLIS-Gemeinwohl-Gruppe“ mit den entsprechenden Fragestellungen befassten, neue Erkenntnisse über das „Untersuchungsobjekt“ gewinnen konnten, von dem sie ja selbst ein Teil sind. Dies hat sowohl positive Folgen für die weitere Ausrichtung der OIKOPOLIS-Betriebe und damit der gesamten Gruppe als auch für den Wissenstransfer zwischen den Mitarbeitenden, denn einzelne Mitglieder der „GW-Gruppe“ bringen die Früchte ihrer Bilanzierungsarbeit bereits in die betriebsinterne Weiterbildung ein.

Erwarten Sie sich von der Gemeinwohl-Bilanz einen Vorteil im Markt?

Wir gehen davon aus, dass unsere Gemeinwohl-Bilanz bei einem Teil unserer Kunden und Stakeholder positiv bewertet wird und wir davon, langfristig gesehen, auch Marktvorteile haben werden. Wir sehen aber den größeren Wert für unsere Unternehmensgruppe in den Auswirkungen auf das Unternehmen nach innen.


Das Interview führte Andreas Michael Giselbrecht (ecogood.org) im Vorfeld der Pressekonferenz "Mit Ethik zum Erfolg - Mittelstand entdeckt Gemeinwohl-Ökonomie" am 12.11.2014 in Frankfurt/Main