Aktuelles

Abb.: Michael Fleck bei seinem Vortrag im OIKOPOLIS-Zentrum

Gentechnik auch in Bio-Märkten?

15.10.2013


Am 8. und 9. Oktober waren René Groenen und Michael Fleck von Kultursaat e.V. zu Gast in Munsbach. Verteilt auf drei Kurse, wurden die MitarbeiterInnen der OIKOPOLIS-Betriebe (NATURATA, BIOGROS u.a.) eingeführt in den Themenkomplex „Saatguterzeugung, Sortenvielfalt und Pflanzenzüchtung“.

Am 8. Oktober hielten die beiden Experten außerdem einen öffentlichen Vortrag in der Reihe "OIKOPOLIS am Dialog". Unter dem Titel „Gentechnik auch in Bio-Märkten?“ stellte dieser Vortrag – ausgehend vom TV-Beitrag im ZDF-Verbrauchermagazin WISO vom 7. Oktober - die aktuelle Relevanz des Themas in einen größeren Zusammenhang: Mit jedem Samenkorn legen Bauern und Gärtner den Keim für Künftiges und stellen Weichen für die mögliche Qualität der daraus entstehenden Produkte. Ebenso fällt aber auch die Entscheidung, welche Saatgutunternehmen dabei jeweils mitverdienen…

Die Arbeitsteilung hat zu Differenzierungen der meisten am gesellschaftlichen Leben beteiligten Prozesse geführt, auch in der Landwirtschaft. Pflanzenbau und Tierhaltung wurden getrennt, reine Gemüsegärtnereien entwickelten sich, und immer mehr wurden auch die Arbeiten im Bereich der Saatgutkulturen ausgegliedert, so dass Spezialbetriebe sich um die Gewinnung von Saatgut und Entwicklung von Sorten kümmerten.

In den vergangenen etwa 30 Jahren haben Firmenaufkäufe und –fusionen zu enormen globalen Konzentrationsprozessen geführt, und Saatgut ist immer mehr zu einem „Business von Gen-Giganten“ geworden, bei dem zunehmend Laborverfahren zum Einsatz kommen.

Zellfusion als Big Business

Bei Chicorée und Kohl werden Neuzüchtungen seitens der konventionellen Züchterhäuser beispielsweise vorwiegend in Form von pollensterilen sogenannten CMS-Hybriden angeboten. Die Pollensterilität wird mithilfe von Zellfusionsverfahren von Sonnenblumenformen auf den Chicorée bzw. von einer Rettichform auf Kohlarten übertragen, um die Hybridsaatguterzeugung zu optimieren. Diese über Artgrenzen hinweg anwendbare Cytoplasten-/Protoplastenfusion ist zumindest in den Bereich der für Ökolandbau unakzeptablen Verfahren, wenn nicht sogar zur Gentechnik, zu rechnen.



Zu einer hohe Lebensmittelqualität anstrebenden Bio-Branche gehört also die Verwendung „sauberer Sorten“ und die Sicherstellung von deren Erhaltung und Weiterentwicklung unter Bedingungen des Ökolandbaus. Solche fruchtbaren (nachbaufähigen) Sorten heißen beim Gemüse „samenfest“, weil sie über die Generationen des Samenbaus stabile Merkmalsausprägungen erhalten.

Samenfeste Sorten stehen damit im Gegensatz zu den sogenannten F1-Hybriden, also Mischformen der ersten „Filial-(=Tochter-)Generation“, die zwar zunächst in der Regel hohe Erträge und ein hohes Maß an Uniformität aufweisen, sich aber im Nachbau (F2 = nächste Generation) in eine Vielfalt von Farben und Formen „aufspalten“, vom Gärtner und Bauern daher jedes Jahr neu eingekauft werden müssen.

Wie gehen die Kultursaat-Züchter in der Sortenentwicklung vor? Kann man Sortenunterschiede bei Möhren schmecken? (Ja, das geht!) Wo ist das Saatgut dieser „sauberen“, leckeren Sorten erhältlich? Was ist FAIR-BREEDING®? Viele Fragen - viele Antworten. Das Seminar bot vor allem den MitarbeiterInnen von BIOGROS und NATURATA interessante, neue Einblicke in dieses auf den ersten Blick so wenig alltägliche, unübersichtliche und doch so „bodenständige“ Thema.

Weitere Informationen:
ZDF-[WISO vom 7.10.2013 Das "Business der Gen-Giganten"