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Abb.: Udo Herrmannstorfer bei „OIKOPOLIS am Dialog“

Wirtschaft neu denken: Udo Herrmannstorfer bei „OIKOPOLIS am Dialog“

19.6.2013


Wieder einmal hatte die OIKOPOLIS-Gruppe in Münsbach zum Dialog geladen. Und wieder ging es um ein aktuell nahe liegendes Thema: Lebens- und Entwicklungsbedingungen für neue Wirtschaftsformen. Als Leiter des Instituts für zeitgemäße Wirtschafts- und Sozialgestaltung in Dornach (Schweiz) und Dozent beim Institut für soziale Gegenwartsfragen (Stuttgart) befasst sich Udo Hermannstorfer, der die OIKOPOLIS-Gruppe seit ihren Anfängen als Impuls- und Ratgeber begleitet, schon lange intensiv mit dem Thema.

Gleich zu Beginn seines Vortrags betonte er, dass unsere heutigen Wirtschaftsstrukturen das Ergebnis des Denkens in der Vergangenheit sind. Wenn wir also nach neuen Strukturen für die Zukunft suchen, müssen wir diese schon heute gedanklich entwickeln.

Globalisierung braucht „Weltbewusstsein“

Die Globalisierung hat dazu geführt, dass es keine wirtschaftlich abgeschlossenen Orte mehr gibt: alles hängt mit allem zusammen. Das zwingt uns geradezu zu ganzheitlicher Betrachtung, meint Udo Hermannstorfer. Wir brauchen ein „Weltbewusstsein“ und müssen lernen, über Grenzen hinaus zu denken.

Ebenso neu ist seiner Meinung nach unser Verhältnis zur Natur, zur Erde und zum Kosmos. Viele stellten sich heute die Frage, wie sie sich ihrer Umwelt gegenüber „richtig“ verhalten sollen. Und auch das Arbeitsleben hat sich durch die Arbeitsteilung grundlegend gewandelt. So wirft es Fragen nach dem eigenen Platz innerhalb des großen Ganzen auf. Statt wie früher alles einfach hinzunehmen, würde heute „hinterfragt und nachgefragt“. Dadurch komme Bewegung in alte Strukturen, die Notwendigkeit gesellschaftlicher Änderungen werde deutlich.

Wird der Markt es richten?

Udo Herrmannstorfer arbeitet heraus, dass es bislang zwei grundverschiedene Lösungsansätze gegeben hat. Der erste lautet: „Der Markt wird es schon richten.“ Probleme entstehen demzufolge nur dann, wenn das Spiel des Marktes sich nicht frei entfalten kann. Dazu gehöre jedoch mehr als die These, dass Angebot und Nachfrage den Preis regeln. Schließlich seien alle Marktteilnehmer autonom und aktiv. Der Egoismus des Einzelnen sei sogar die treibende Kraft, der Mensch quasi ein „Triebtäter“ im Wirtschaftsleben. Gegenseitige Konkurrenz soll – zumindest der Theorie zufolge – den Trieb in Schach halten. Der Markt „sozialisiere“ den Egoismus. Kurz: Was früher der liebe Gott gelenkt hat, das richtet heute vermeintlich der „Markt“.
Doch die Rezepte des Wirtschaftsliberalismus wirken nicht mehr. Der „Markt“ hat keine Antwort auf die Arbeitslosigkeit, auf das Problem der Niedrigstlöhne oder gar für diejenigen, die außerhalb des „Marktes“ bleiben.

Hier wird deutlich, dass es Änderungen braucht. Der Mensch entdeckt, dass er Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten verursacht. Die Vernunft sucht nach Richtlinien, um die Missstände zu beseitigen, und diese Vernünftigkeit soll durchgesetzt werden – mit Hilfe des Staates und der Planwirtschaft. Deshalb sei neben dem Wirtschaftsliberalismus der regulierende Ansatz des vernunft-dominierten Sozialismus der zweite Lösungsversuch angesichts der globalen Probleme.

Allerdings entstehen bei der Durchsetzung all dieser „vernünftigen“ Regeln neue Zwänge. Manche befürchten sogar, dass z.B. bei der Lösung der Umweltprobleme durch strenge staatliche Regeln eine „grüne Diktatur“ entstehen könnte.

Wir selbst sind gefragt!

Für Herrmannstorfer steht fest, dass weder der Markt mit seinem Fatalismus („so sind die Dinge“) noch die Vernunft mit ihrem Idealismus („so sollte es sein“) wirklich wissen, wie man mit autonomen Mensch umgeht.

Auf dem Weg zu neuen Wirtschaftsformen hat er deshalb ein einfaches Credo: Wir müssen unsere Verhältnisse regeln! Dazu sind vor allem Begegnungen aller Beteiligten notwendig. So würden unterschiedliche Erfahrungen eingebracht und Prozesse angestoßen. Wichtig für erfolgreiche Prozesse seien entsprechende Organe – jedoch ohne Entscheidungsbefugnisse. Sie sollen vielmehr die umfassende Wahrnehmung der Wirklichkeit gewährleisten.

Leider gebe es in der Marktwirtschaft weder Begegnungen noch Organe, denen es zunächst einmal um die Wahrnehmung der Bedürfnisse aller Beteiligten geht. Der „Markt“ regle ja vermeintlich alles von alleine. Udo Hermannstorfer fordert deshalb, „die Vernünftigkeit mit der Erfahrungswelt“ zu verbinden. Die Frage laute nicht „Was ist richtig?“, sondern „Was kann ich tun? Wo bin ich handlungsfähig? Wo kann ich Entwicklungen einleiten?“

Statt Defizite auszugleichen, gelte es, Stärken zu entwickeln. Das Angebot von Teilhabe sei dabei besonders wichtig, Mitverantwortung zentral. „Die neue Wirtschaft entwickeln wir, wenn wir lernen, vom Ganzen her zu denken. Dies kann nicht zu Lasten Einzelner gehen. Schließlich ist Ökonomie keine Privatangelegenheit", so resümiert Herrmannstorfer.

Am nächsten Morgen traf sich dann noch eine Gruppe Interessierter, um das umfangreiche Thema weiter zu vertiefen.